Das Gedächtnis 1

Veröffentlicht am 29. Juli 2022 um 15:02

Am Anfang dieses Blogartikels stand ein Mißverständnis oder anders gesagt ein veraltetes Wissen von mir. Nun, kann passieren, nicht? Ich bin seit über 20 Jahren erfolgreich in der Nachhilfebranche tätig und arbeite gerne individuell. Nicht bei jedem funktioniert naturgemäß alles. 

Vorletzte Woche wollte ich dann einem Schüler, Hilfestellungen geben, Vokabeln besser und effektiver zu lernen. Ich habe ihm von den verschiedenen Gedächtnisspeichern erzählt. Ultrakurzzeitgedächtnis, Kurzzeitgedächtnis, Mittelzeitgedächtnis, Langzeitgedächtnis, Ultralangzeitgedächtnis. Das habe ich in der ersten Stunde auch getan. Dann hatte ich den Impuls, mehr über die Speicher erfahren zu wollen. Und was macht der moderne Mensch? Er googelt. 

Ein paar Texte und Videos später kamen dann einige für mich sehr interessante und hilfreiche Informationen heraus: 

1. Die Forschung kennt mittlerweile nur noch 3 Speicher: Das Ultrakurzzeitgedächtnis ( UKG), das Kurzzeitgedächtnis ( KZG) und das Langzeitgedächtnis. Im Kurzzeitgedächtnis gibt es wohl noch so ein Arbeitsgedächtnis. Andere Namen für das UKG sind auch das sensorische Register, Immediatgedächtnis und sensorisches Gedächtnis. Der Begriff  "Ultrakurzzeitgedächtnis" ist übrigens veraltet. 

2. Die Zeiten für die Speicherung sind etwas anders und weichen geringfügig von meinen Kenntnissen ab: 

Das sensorische Register ( um gleich mal den neuen Begriff zu benutzen) hat eine Speicherdauer von 0,2 - 2 Sekunden, bis die Information wieder vergessen wird. Sekündlich prasselt eine Flut aus Eindrücken  auf das sensorische Register ein. Es wird von 10 Millionen Eindrücken ausgegangen. Das sensorische Gedächtnis muss also ziemlich schnell entscheiden, was wichtig ist.Hat das sensorische Register eine Information als wichtig erachtet, dann und nur dann wandert die Information weiter ins Kurzzeitgedächtnis. Dort kann die Information 30 Sekunden bis 1 Stunde bleiben. Angeblich soll die Information dann ins Langzeitgedächtnis gehen. Dort bleibt sie aber nur bei ausreichender Wiederholung Tage, Wochen, Monate, Jahren und eventuell ein Leben lang. 

 

Na, das sind ja interessante Informationen. Doch einige Fragen blieben offen: Woher nehmen/ bekamen die Menschen ihre Informationen? Und schon wurde ich gedanklich mitten in die Gedächtnisforschung katapultiert. Weiter gingen es mit den Recherchen. Google und Youtube ist bei so etwas mein Freund geworden. Auch zum Thema Zitate: Ich liebe Zitate, sie sagen soviel aus. Bei dem Suchen nach Zitaten übers Gedächtnis stieß ich auf ein Zitat von Cicero: 

"Was ist denn das, womit wir uns erinnern? Welche Kraft hat es und woher hat es sein Wesen?"

 

 Das waren so ziemlich genau die Fragen, die mich auch beschäftigen. Das Gedächtnis kann man ja nicht sehen, wie wurden und werden dann Forschungen angestellt? Wie kommt man zu Erkenntnissen, die die Forschung überdauern?

Wer zu den Ursprüngen der Gedächtnisforschung reisen möchte, darf sich im europäischen Bereich gedanklich zu den alten Griechen begeben. Die griechischen Philosophen entwickelten die Mnemotechniken, von denen heute noch viele im Gebrauch sind. Mnestik nennt sich die Forschung, bei der es um Gedächtnisleistungen geht. Das ist abgeleitet von Mneme ( griech.) und das heißt "Gedächtnis, Erinnerung". Einige Gedächtnistechniken sind heute noch von Gedächtniskünstlern in Gebrauch. Die meisten antiken Philosophen verorteten das Gedächtnis übrigens im Herzen. Einer der Ausnahmen war der Arzt Hippokrates, der ganz richtig das Gedächtnis im Gehirn ansetzte. 

Und so ging meine Reise über die antiken Vorstellungen zu meiner vorläufigen Landung bei Hermann Ebbinghaus, dem Begründer der experimentellen Gedächtnisforschung. Den Beinamen Begründer der experientellen Gedächtnisforschung bekam er, weil seine Forschungen zu Grundlagen wurden für die moderne Psychologie. Er entdeckte im Selbstexperiment die "Vergessenskurve" und mit anderen Forschern und Schülern die Lernkurventhese "Je steiler die Lernkurve, desto effizienter wurde gelernt." 

Wusstest du z.B. dass von dem Gelernten nach 31 Tagen nur noch 10% da sind, wenn man nicht wiederholt. Oh Mann, das erklärt ja wirklich so manche Vergessensprobleme, aber auch Lernprobleme. Gut, dass der Schlüssel in den Wiederholungen steckt, wusste ich ja schon, aber viele am Anfang und dann kann sich der Abstand verlängern? Wie hilfreich fürs selbstständige Lernen. Lernt man so etwas heutzutage in der Schule und wenn ja, wenden es die Schüler:innen auch an?  

Ein interessante These von Ebbinghaus ist für mich auch die Ersparnismethode. Alles einmal Gelernte ist nicht umsonst. Du fängt nie wieder bei 0 an. Wenn man wieder etwas hervorholen will, fällt es leichter, das gefühlte "neu" zu lernen.  Für mich ist diese ja ein absolutes Plädoyer für Lernzettel. 

 

Also zusammenfassend kann ich nun sagen: Was für ein spannendes Thema, in das ich durch Zufall eingetaucht bin. Vergessenskurve, Lernkurve, Ersparnismethode, interessante Zitate und ich bin mit dem Thema noch nicht am Ende. Ich bin gespannt, was noch kommt. Für heute möchte ich gerne mit einem Zitat von Hermann Ebbinghaus und einer Frage schließen: 

"Das Voraussehen unserer Aufmerksamkeit ist der Wille, Aufmerksamkeit zu schenken, ist freiwillige Aufmerksamkeit." Hermann Ebbinghaus

Worauf möchtest du in der nächsten Zeit deine Aufmerksamkeit legen? 

 

 

 


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Kommentare

Samira
Vor einem Jahr

Hallo, hast du eine Quelle für das Zitat von Cicero?