Hatte Ali Mitgutsch LRS?

Veröffentlicht am 27. April 2024 um 16:09

 

Der als "Vater der Wimmelbücher" bekannte Ali Mitgutsch hatte Legasthenie. Diese Nachricht nahm ich vor wenigen Wochen in einem Instagramm- Beitrag wahr. Mein Gehirn fragte ich sofort: Kann das stimmen? Bei Social Media werden  ja öfter Halbwahrheiten verbreitet. Woran hatte man das erkannt?

Als Erzieherin mit Sprachbildungsprofil war mir Ali Mitgutsch natürlich ein Begriff. Oft schon hatte ich seine und von anderen Künstlern gezeichnete sogenannte Wimmelbücher mit Kindern angesehen,  aber DAS hatte ich noch nicht über ihn gehört. Gerne gebe ich zu, dass diese Recherche zu dem speziellen Thema nicht sehr ergebig war. Alles, was ich zuerst fand, waren mehr oder weniger kurze Videos, die eher einen kurzen Nachruf darstellten.

https://www.youtube.com/watch?v=OjO0leGXFi0

Denn 2022 war Ali Mitgutsch im Alter von 87 Jahren in München verstorben. Wer mehr zu seinem Leben generell wissen möchte, sei der Wikipedia- Artikel zu ihm empfohlen, wenngleich ich auch dazu weiterführende Fragen nach der Lektüre derselbigen hatte. 

https://de.wikipedia.org/wiki/Ali_Mitgutsch

Bewusst stelle ich nur ein Link von den vielen Nachrufen hinein. Denn zur Recherche für mein Thema hat es mir leider wenig gebracht. 

In einem Welt- Artikel vom 14.08.2015  indes war diese die Antwort des Wimmelbucherfinders auf eine etwaige Feststellung eines Journalisten:

"Da (bei der Legasthenie) bin ich heute noch voll dabei. In der Schule haben sie mich deshalb immer angeschrieben: Wie dumm bist du denn?! Ich konnte die Dinge sprachlich eben schwerer erfassen als die meisten der Kinder. Es war ein Segen und ein Glück, dass ich zeichnen konnte."

In seiner Kindheitsbiografie auf S. 168 geht er im Zusammenhang mit einem Liebesbrief, den er seiner angebeten Herzdame schreiben möchte, deutlicher auf seine Legasthenie ein: 

"Die Alternative zum Sprechen wäre das Schreiben gewesen. Ein noch viel wunderer Punkt bei mir, da ich Legastheniker bin... ." Von seinen Lehrern berichtet er, dass diese wohl kaum damit padägogisch umgehen konnten: "Also, seine Orthographie ( = Rechtschreibung, Anmerkung der Verfasserin) ist saumäßig, unmöglich, unmöglich ! So eine Sauklaue! GIb dir gefälligst mal Mühe, verdammt!" 

Was diese "rüde pädagogische" Einordnung bei Ali bewirkte, schreibt er im nächsten Absatz: "Und ich gab mir Mühe, allergrößte Mühe sogar. Ich scheiterte immer mehr am Schreiben und meine kindliche Verzweiflung wuchs ins Unendliche und mein Selbstbewusstsein sank in noch tiefere Abgründe. Ich litt unter meiner Schwäche wie ein Hund." 

Wer mehr wissen möchte oder sich gar das Buch kaufen möchte, für den stelle ich hier den Link bereit: 

https://www.amazon.de/Herzanz%C3%BCnder-Mein-Leben-als-Kind/dp/3423280573

Die Symptome, mit denen Ali Mitgutsch offensichtlich zu kämpfen hatte, waren folgende: 

  • eine sehr schlechte Handschrift
  • viele Rechtschreib- Fehler 
  • ein geringes Selbstbewusstsein
  • großer Leidensdruck 
  • kindliche Verzweiflung
  • ein kontinuierlich steigerndes Gefühl des Scheiters beim Schreiben 

Also, hatte Ali Mitgusch Legasthenie?

Meine folgenden Interpretationen anhand der gelesenen Kindheitsbiografie unterstreichen mein "Ja" zu dieser Frage: 

  1. Die Mutter hat immer mit eigenen Geschichten versucht, die Phantasie des Jungen angeregt.
  2. Bücher waren entweder kaum  in dem Haushalt vorhanden und/ oder von Ali Mitgutsch kaum wahrgenommen. Auch in den Videos, die vor seinem Tod entstanden, ist kaum bis gar nicht die Rede von Büchern. 
  3. Der Junge Ali orientiert sehr an Bildern und nimmt auch eher Bilder in sich auf. Ich denke an die Szene, wo er mit seiner großen Schwester und ihrer Freundin als Grundschüler in einer Kirche ist und eine Szene mit dem Jesus- Kind auf sich wirken lässt. Auch hier in der Kirche fallen ihm anscheinend die geschriebenen Dinge gar nicht auf. 

Vielleicht ist es kein Zufall, dass Ali Mitgutsch Wimmelbücher gemalt hat? Eine großartige künstlerische Begabung zieht sich durch sein Leben. Das ist das eine und steht für mich außer Frage. 

Offensichtlich konnte aber auch mit geschriebener Sprache nicht so gut umgehen? Gepaart mit seiner Begabung lag die Vermutung nahe, dass er dann Wimmelbücher mit den aus seinen Erinnerungen gespeisten Bildern aus seiner Kindheit malte.  Der Hauptanstoß kam übrigens von Kurt Heelmann, einem Pädagogen in München und damaligen Direktor des Stadtjugendamtes. Dieser war der Meinung, dass die Welt ein ganz viele Geschichten umfassendes Buch bräuchte, das ohne einen Buchstaben auskäme. 

Natürlich kann ich nicht sagen, ob Ali Mitgutsch eine Diagnose bekommen hatte und auch "offiziell" Legastheniker war. Aber ist das wichtig? 

Wie seht ihr das? Gerne könnt ihr mir und auch zu dem Blogartikel generell einen Kommentar da lassen. Ich würde mich sehr freuen. 

 

 

 

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